Ist der Mensch schon ganz?

 

 

„Ist der Mensch schon ganz?“

Eine Frage, die durch die Jahrhunderte trägt –
und heute vielleicht leiser,
aber dringlicher denn je geworden ist.

Heute Mittag, bei strahlendem Sonnenschein über dem Viktualienmarkt in München,
blieb mein Blick bei der Heilig Geist Kirche an einem Banner hängen.

Zu sehen war auszugsweise das Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle in Rom
von Michelangelo Buonarroti: „Die Erschaffung Adams“.
Dazu ein paar Werbezeilen und die Worte:

„Es ist Zeit, den Herrn zu suchen.“
„Was ist der Mensch?“
„Berufen zur Begegnung mit Gott.“

Diese Worte hallten in mir nach – leise verbunden mit dem,
was ich kurz zuvor in der S-Bahn wiederholt gelesen hatte:
die letzten Seiten von Hermann Hesses Buch „Siddhartha“.

Noch ganz in dieser Stimmung sah ich das Bild:
Adam, der seinen Arm ausstreckt.
Gott, der sich ihm entgegenneigt.
Und dieser eine Moment – kurz vor der Berührung.

Plötzlich stellte sich mir eine Frage:
„Ist das wirklich Gott, der dort dargestellt ist?

Oder ist es ein Bild für etwas anderes?
Für das Göttliche, das nicht außerhalb von uns liegt,
sondern in uns selbst erinnert werden will?“

In Hesses Siddhartha führt kein Lehrer, kein Buddha,
zur Ganzheit – sondern die eigene Erfahrung.

Im Lauschen auf das Eigene,
im Eintritt in die Stille,
im Rückweg nach innen.

Erfüllung zeigt sich nicht im Anhäufen von Lehren,
Ritualen oder Traditionen,
sondern im Erkennen des Selbst und
im authentischen Leben
– tropfenweise, Atemzug für Atemzug.

Was Michelangelo als göttlichen Funken gemalt hat,
möchte vielleicht kein Gegenüber berühren,
sondern auf etwas zeigen,
das im Menschen selbst angelegt ist.

In diesem Sinne wird das Bild zu einem Spiegel:
Der Mensch streckt sich nicht nur nach Gott aus
– er erinnert sich an etwas, das bereits in ihm liegt.

An diesem Punkt wird klar:
Heimat in uns | Wahrheit | Weisheit | Ganzheit | das Göttliche
– sie können nicht übernommen,
sondern nur durch eigene Erfahrung wiedergefunden werden.

Sie wachsen nicht aus fremden Lehren,
sondern im eigenen Durchleben.
Worte weisen den Weg,
doch sie tragen uns nicht ans Ziel.

Vielleicht ist der Zwischenraum zwischen den Fingern kein Abstand,
sondern ein Bewusstwerden.

Ein Moment,
in dem sich der Mensch nicht erschafft,
sondern erkennt.

Der Psychoanalytiker, Carl Gustav Jung,
beschrieb genau diesen Augenblick der „Menschwerdung“
als einen lebenslang andauernden psychologischen Prozess der Ganzwerdung,
bei dem das Bewusstsein unbewusste Anteile (Schatten, Anima/Animus) integriert.
Ziel ist es nicht perfekt zu werden, sondern die eigene Einzigartigkeit zu entfalten,
das „Selbst“ als Zentrum der Persönlichkeit zu realisieren und ein authentisches,
ausgewogenes Leben zu führen, statt nur kollektiven Normen zu entsprechen. 

Erinnern – nicht erfinden.
Wiederentdecken – nicht neu schaffen.

Vielleicht verbindet all das eine leise Wahrheit:

Der Mensch ist nicht erst „ganz“,
nicht erst vollkommen,
wenn ein zusätzlicher Funke ihn erweitert –
sei es durch Kunst, Liebe, Meditation
oder durch die Errungenschaften unserer Zeit:
künstliche Intelligenz, Superintelligenz, Robotik.

Gerade heute,
wo Systeme entstehen, die schneller denken,
präziser analysieren
und in vielen Bereichen effizienter handeln als wir,
beginnt sich etwas leise zu verschieben:

Nicht nur Aufgaben werden abgegeben –
sondern zunehmend auch Bedeutung.

Berufe, Rollen, Identitäten,
die lange als Ausdruck menschlichen Wertes galten,
verlieren an Eindeutigkeit.
Das, worüber wir uns definiert haben,
wird ersetzbar.

Und genau darin liegt eine stille, oft unausgesprochene Herausforderung:
Wenn das, was wir tun, nicht mehr genügt –
wer sind wir dann?

Vielleicht führt uns diese Entwicklung
nicht in einen Verlust,
sondern in eine Radikalität der Rückbesinnung:

Weg von der Funktion.
Hin zur Essenz.

Denn der Wert des Menschen
lag nie ausschließlich im Produzieren, im Leisten, im Optimieren.
Sondern im Wahrnehmen.
Im Erleben.
Im Bewusstsein selbst.

Der Mensch ist nicht berufen,
etwas zu werden, das er noch nicht ist.

Das, was er im Außen sucht,
steht ihm nicht gegenüber –
es liegt bereits in ihm.

Der Zwischenraum –
zwischen den Fingern,
zwischen Frage und Antwort,
zwischen Suche und Finden –
ist kein Mangel.

Er ist der Ort, an dem Erinnerung geschieht.

Und vielleicht ist dieses Innehalten
– gerade jetzt, in einer Zeit, die immer schneller wird –
kein Rückschritt,
sondern die eigentliche Bewegung.

Ein Moment, in dem wir uns nicht verlieren,
sondern wieder begegnen.

Um neu zu erkennen,
was für uns tatsächlich wesentlich ist.

Für mich ist Kunst genau dieser Raum:

Kein Beweis.

Keine Selbstbestätigung.

Sondern Selbsterinnerung.

Marlis Peschke | Tiny Art Oasis
Vaterstetten, 19.03.2026

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Erschaffung_Adams
https://de.wikipedia.org/wiki/Siddhartha_(Hermann_Hesse)
https://beziehungsdynamik.de/individuation/